Speedskating

VfR Büttgen für Deutschland zur Europameisterschaft

19. Mai 2011

Deutsches Nationalteam 2011 in Damp (Foto : skate-tv / Isaak Papadopoulos)
Deutsches Nationalteam 2011 in Damp (Foto : skate-tv / Isaak Papadopoulos)

Ein Rennen zu fahren ist immer aufregend, eine Landesmeisterschaft ist dann schon wieder etwas anderes, bei einer Deutschen Meisterschaft spürt wohl jeder das Kribbeln im Bauch, aber ein Europameisterschaftsrennen im Nationaltrikot ist dann doch wieder noch eine ganz andere Hausnummer.

Der Weg dahin begann schon im frühen Sommer 2010. "Dieser Weg...wird kein leichter sein" um es musikalisch mit Xavier Naidoo zu sagen und er war es nicht : zwei deutsche Meisterschaften im Vorjahr - ein Marathon im Nieselregen in Wedel, ein unvergesslicher Doppelmarathon in Prezelle bei 38 Grad im Schatten (aber davon gab es wenig) - dazu ein weiteres Qualifikationsrennen Anfang April diesen Jahres in Berlin, ein wenig Hoffen, ein wenig Bangen. Schliesslich war es wirklich soweit und wir waren für's Nationalteam qualifiziert. Das alles hört sich nach harter Arbeit und Qualen an ist aber größtenteils Spaß und Freude. Vor allem ist es nichts gegen das, was dann kommt : gemeinsame Anprobe der Teamkleidung am Vorabend des Rennes auf einem Hotelparkplatz bei 10 Grad, leichtem Nieselregen und steifer Ostseebrise. ;-)

Unser deutsches Nationalteam mit Silke Röhr, Silke Zimmermann und Andreas Lichtenstein bei der Europameisterschaft in Damp 2011

War der Freitag als unser Anreisetag noch stürmisch, der Samstag unser Tag für's Akklimatisieren und für die Streckenbesichtigung schon stürmisch vermischt mit ein paar leichten Schauern, erfreute uns der Renntag = Sonntag mit allem was ein Wetter hergeben kann.

Vor dem Start sah es noch danach aus, als würde der Regen der Nacht noch rechtzeitig vor dem Rennen von den Straßen trocknen, aber dann entwickelte sich das Rennen doch anders als erwartet.

Aber der Reihe nach :

Gemeinsam mit Neu-Mitglied Mirko Schramm (AK40), Oldie but Goldie Friedrich „Fred“ Ernst (AK60) gingen unsere drei kurz nach 10 Uhr auf den 42,195 KM langen Marathon Kurs. Eine Start- / Zielgerade von 1,5 KM führte auf einen 9,8 KM langen Rundkurs durch das ländliche Schleswig-Holstein der 4 mal durchfahren werden musste. Während Runde 1 noch halbwegs trocken blieb setzte zu Beginn von Runde 2 Starkregen ein, der nicht nur die Straßen flutete. Lassen wir aber die drei Nationalmannschaftsteilnehmer von Ihren Erlebnissen berichten :

Hier der Bericht von Silke Röhr aus dem Damen AK30 Rennen :

"unser Startblock war recht übersichtlich - traute sich wohl keiner ;-) : 11 Starterinnen der AK 30. Wobei wir mit 6 vom Team Germany schon mehr als die Hälfte waren. Da könnte man ja glatt mal taktisch für Germany loslegen, und vielleicht was reißen. Harte Konkurrenz war auch am Start. Aber das ist ja nix neues. Catherine Grage (Dänemark), Susanne Zellweger, Käthy Eisenhut (beide Schweiz), Karen Teuling (Niederlande), und aus den eigenen Reihen Simone Kohls (Germany), da wusste ich, das wird nicht einfach werden. Das Rennen begann relativ ruhig, erstmal ans Laufen kommen. Die Bedingungen waren am Anfang noch ganz gut. Alles sah aus, als wollte es noch abtrocknen (ich hatte ja noch kurz vor dem Start schnell von komplett NASS auf HALB-HALB gewechselt). Alles wird gut. Doch dann kam in der 2. Runde ein heftiger Regenguss und im null-komma-nix waren wir alle klatschnass, ich glaub sogar Hagel war mit dabei (tat schon weh im Gesicht). In der 2. Runde kamen dann auch die Attacken (wollten wohl alle schnell fertig werden bei dem Wetter;-) ) Ich konnte eine nach der Anderen vereiteln, war genau auf den Punkt und richtig stolz alles zur richtigen Zeit mitbekommen zu haben. Die Halb-Halb Bereifung machte mir gar kein Problem.

Nach und nach wurde unsere Gruppe kleiner, so daß wir die letzten 1 1/2 Runden zu Siebt waren. Hmmmh. Da stellt man sich gerne was anderes vor.... Ca. 4 km vor dem Ziel waren wir dann nur noch 6 : Dänemark, 2x Schweiz, 2x Germany, Niederlande. So ging's dann nach der letzten Linkskurve noch 1,5 km Richtung Ziel..... Catherine sprintet sofort los (oh nein das ist doch noch viel zu weit...) hinterher direkt Simone, gefolgt von Käthy.... Ich bin auf Pos 4, leider gibt's nen kleinen Abstand zu den ersten Dreien...mhh runter und loooooos hinterher..... aber die Beine sind nicht mehr so fit.... dann von links Susanne... von rechts Karen.... ach neeeee.... kann nicht mithalten und lande auf Platz 6. Nun ja, kann man nix machen, die Anderen waren halt einfach noch stärker. Ich gratuliere den Treppchen Besteigern."

Und hier die Eindrücke von Silke Zimmermann aus dem Damen AK40 Rennen:

"Auch mein Startblock war ja eigentlich recht übersichtlich, aber das heißt ja nichts. 12 AK40-Damen waren wir. Die Schweizerin und die Österreicherin konnte ich nicht einschätzen, es gingen die Gerüchte um, dass die Österreicherin eine ganz harte Nuss und sau stark sei. Der Rest der Mädels waren Deutsche. Vier davon, die leider bisher immer vor mir ins Ziel kamen und mindestens auch schon 10 Jahre länger Rennen fahren. Ute Enger, Steffie Pipke, Sylvia Ordowski und Christiane Kloß, letztere ist nicht im Nationaltrikot angetreten. Steffie tüftelte im Startblock direkt Renntaktiken aus. 2 vorne weg, die anderen bremsen aus, so macht man das halt, Hauptsache Deutschland gewinnt. Blöde Taktik, da mir die Antritte ja eher nicht liegen, wäre ich also die Bremse. Aber ich will doch auch auf's Treppchen, wenn es irgendwie geht. Also Steffi taktierte weiter im Startblock, der Rest war still. Vermutlich hatten die anderen Mädels die gleichen Gedanken oder ihnen war einfach nur genauso zu kalt wie mir.

Dann kam der Start. 5,4,3,2,1, los.... Wie immer kam ich gut weg... super, direkt bergauf im Gegenwind vorne... okay, also nix wie schnell vorne raus... dann die Auffahrt zur Bundesstraße die erste Attacke... 2 vorne weg, Österreich hinterher, also ich dann auch... von der Bundesstraße die Auffahrt Richtung Schuby die nächste Attacke... zwei vorne weg, Österreich hinterher, also ich dann auch. Kurz vor Schuby, ich todesmutig vorne weg, Sylvia und Österreich hinterher, der Rest dann natürlich auch. Oh je, wenn das so weitergeht, wird das ja ein Spaß... aber immerhin, wir waren nur noch zu sechst unterwegs. Tja und es ging leider so weiter und in der zweiten Runde bei der Auffahrt Richtung Schuby musste ich dann reißen lassen. Christiane Kloß ein wenig später auch. Tja, das ist eine EM, also wird gekämpft bis zum Schluss. Ich nahm also nicht die Füße hoch, sondern gab weiter Gas. Nach 3 km hatte ich Christiane eingeholt und wir sind zu zweit weiter.

Den Spitzenzug hatten wir noch in Blickweite und zunächst schien es leider, als würde der Abstand zwischen uns größer. Macht nix, wir arbeiteten zu zweit schön weiter, das Rennen ist erst an der Ziellinie vorbei. Dann in der vierten Runde kamen erst Sylvia und dann Steffie nicht mehr mit Ute und Österreich mit. Beide kämpften genau wie wir weiter, aber halt alleine. Ca. 3,5km vor dem Ziel holten wir erst Sylvia und dann auch Steffi ein. Cool dachte ich, die Karten sind neu gemischt. Die beiden vorne weg kriegen wir wohl nicht mehr, aber Platz 3 ist wieder zu haben. Um Ute's möglichen Sieg nicht zu gefährden, nahmen wir etwas Tempo raus. Ich fühlte mich richtig gut und fuhr auf der Zielgeraden vorne. Als ich das Tempo steigerte, setzten dann leider auch Sylvia, Christiane und dann Steffie zum Zielsprint an und leider hatte ich da nichts mehr zuzusetzen. Ich trat und trat und schaffte es aber leider nicht, noch einen von den dreien wieder einzuholen. So wurde ich dann sechste, habe mir aber immerhin erkämpft mit einem Abstand von nur 10 Sekunden zur Spitze ins Ziel zu kommen. Glückwunsch an Ute und Sylvia zu Silber und Bronze.

Fazit: Ich habe viel gelernt und bin stolz dabei gewesen zu sein. Und mit etwas Abstand betrachtet, ist sogar dieser fürchterliche Super-Regenschauer, gar nicht mehr schlimm."

Und zuletzt die Erinnerung von Andreas Lichtenstein an das Rennen der Herren AK40 :

„Als Newcomer im Nationaltrikot ging ich in der AK40 der Herren an den Start. Bei meiner ersten EM-Teilnahme musste ich mich – wie so oft – im mit 50 Startern größten Teilnehmerfeld behaupten. Wider Erwarten ruhig ging ich in den Startblock – schlecht geschlafen hatte ich schon vor dem Rennen oft genug - und suchte mir einen Platz in Startreihe 1. Respekt ist gut, Angst nie hilfreich ;-) Der Start war noch sehr verhalten und so ging erst einmal meine Taktik, mich immer möglichst vorne im Feld zu halten, gut auf. Aber schon nach 2-3 KM erfolgte die erste Attacke eines meiner deutschen Nationalmannschaftskollegen. „Hinterher“ ging es mir durch den Kopf, denn mein Ziel war es ja, den Spitzenzug so lange wie nur irgend möglich zu halten. Keiner folgte. Zu zweit setzten wir uns ab, wurden aber bald wieder eingeholt. Kurz später die zweite Attacke. „Hinterher...“, aber wieder folgte erst keiner, dann wurden wir doch wieder geschluckt. Dann irgendwann wurde mir die Taktik klar : Teamcaptain und Masters-Bundestrainer Dirk Hupe schickte aus dem zahlenmäßig gut vertretenen deutschen Nationalteam immer wieder 2er oder 3er Gruppen in die Attacke, um möglichst früh viele Konkurrenten mürbe zu machen. Die Hoffnung, dass vielleicht einmal eine Gruppe erfolgreich fliehen und somit einen deutschen Sieg einfahren könnte schwang dabei immer mit. Zwar gelang es den starken Niederländern, aber auch den Italienern und den Tschechen stets die Ausreisser wieder einzufangen, aber langfristig führte die Taktik doch insoweit zum Erfolg, dass sich am Ende „nur“ 22 Starter im Spitzenzug halten konnte. War ich anfangs noch aktiv in den Attacken vertreten, musste ich im Laufe des Rennens zurückstecken und war sehr damit beschäftigt selbst nicht den Anschluss zu verlieren. „So eine EM ist schon eine andere Hausnummer“ ging es mir oft durch den Kopf, und in der Tat ging es in diesem Rennen „ganz anders zur Sache“ als bei einem WSC- oder GIC-Rennen oder einer DM. Regenrennen sind dann auch nicht wirklich mein favorit...die Muskulatur meldete schon nach ca. 20 KM Übersäuerung in hohem Maße...ich glaube, allein die Aussicht den Rest des Rennens alleine fahren zu müssen hat mir geholfen, am Ende den Zug bis zum Schluss zu halten.

Ca. 4 KM vor dem Ziel begann „die Ruhe vor dem Sturm“, das Tempo ging merklich runter, jeder sammelte sich vor dem finalen Sprint und jeder suchte nach der besten Position vor der letzten Kurve und der 1,5 KM langen Zielgerade. Die kurze Beruhigung tat mir gut - „da geht noch was“ - und beim Einbiegen in die Zielgerade setzte ich alles auf eine Karte und zog los. Der Pulk der Erfahrenen reagierte mit einiger Verzögerung, ließ sich aber natürlich nicht die Butter vom Brot nehmen. Elegant drängten mich die anfangs der Zielgeraden noch an der Spitze liegenden Italiener Richtung Seitengraben und ich musste hinter einem Kameramotorrad kurz verlangsamen. Der Zug fuhr gnadenlos an mir vorbei, keine Chance einzusteigen. Ich zählte die mich überholenden, eins, zwei, drei, vier,... irgendwo nach zehn war endlich die Lücke da und ich sprang hinein. Kurz vor dem Ziel sprengte noch ein letztes mal alles auseinander und ich machte noch ein paar Plätze gut. Mit Platz 9 und nur 1,8 Sekunden Rückstand auf den neuen niederländischen Europameister Frans van Winden gelang mir ein für mich traumhaftes Ergebnis. Dazu belegte „mein“ Team mit Dirk Hupe und Jörg Rannacher die Plätze 2 und 3.

Insgesamt ein tolles Erlebnis auf einer geradezu unglaublichen Reise durch die Welt des Speedskatens. Vor gut 2 ½ Jahren aus dem Breitensport erstmalig in Berührung mit einem Verein und mit der Thematik Speedskaten gekommen, heute als Nationalmannschaftsmitglied in den Top10 der Altersklassen-Europameisterschaft. Was sich für mich – und vielleicht auch für viele andere – wie ein Märchen anhört ist Wirklichkeit. Alles was man dafür braucht ist ein Gruppe Gleichgesinnter, ein gutes Trainerteam, ein wenig Talent und ein paar Technikworkshops und eine große Portion Willen und Fleiß. Aber auch wer nicht direkt zur EM will, sondern „nur mal“ einen Marathon fahren oder ein Rennen in unserem Westdeutschen Speedskating Cup (WSC) ist herzlich bei uns willkommen."

Mitte Juni wartet nun die Weltmeisterschaft in Frankreich. Unsere drei Nationalmannschaftsfahrer sind auch hierfür qualifiziert und werden auch dort versuchen wieder für Schlagzeilen zu sorgen.

Mirko beendete das Rennen in der AK40 auf Platz 40. Fred's Rennen stand unter keinem glücklichen Stern. Allein auf der Strecke und mit einem streikenden GPS begab er sich, statt nach der vierten Runde auf die Zielgerade abzubiegen, auf Runde 5...aber das ist eine andere lange Geschichte und wer Fred kennt, weiß er nimmt es mit Humor....

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